Kurze Religionsgeschichte Regensburgs

 

 

 

 

 

 

 

Regensburg um 1500

Sind die großen Zeiten der Stadt jetzt vorbei? Die Bürger hatten es geschafft, aus Regensburg eine freie Reichsstadt zu machen. Bis heute streiten Kaiser und katholische Bischöfe vor allen möglichen Gerichten mit den Bürgern um einstmals an sie verlorene Rechte. Regensburg ist immer noch eine zentrale Stadt in Süddeutschland, aber es hat doch mittlerweile sehr viel wirtschaftliche Macht verloren. Um 1500 gibt es eine allgemeine religiöse Orientierungskrise. Die etablierte Kirche ist auf einem Tiefpunkt ihres Ansehens angelangt. Sie besitzt große Ressourcen und enorme Macht, wird aber von so vielen Seiten aus kritisiert, dass gar nichts Konstruktives mehr geschieht. Vielerlei mehr oder weniger utopische Erneuerungsprediger finden ein Publikum. Die Lage der jüdischen Gemeinde in Regensburg wird schwierig. In der Sicht der Bürger, die oftmals Schulden bei Juden haben, kommen diese immer mehr in die Rolle derjenigen Minderheit, die man für die Misere - speziell die wirtschaftliche - verantwortlich machen und deshalb schikanieren kann.

 

Regensburg um 1600

Regensburgs Bürger sind jetzt komplett evangelisch (natürlich sind immer eine Menge katholische Handwerker etc. hier tätig, die ihrem Wohnsitz nach nicht zur Stadt gehören). Die konfessionelle Situation hat sich nach den dramatischen Entwicklungen des letzten Jahrhunderts beruhigt und konsolidiert. Davon profitiert auch die Stadt. Aus Österreich kommen Protestanten hierher, etwa die Bankiersfamilie Löschenkohl (deren Palais am Neupfarrplatz heute sehr schön renoviert ist). Es gibt schon lange keine Juden mehr. Von ihrer Synagoge und ihrem Viertel sieht man nicht mehr viel. Dort steht seit langem die evangelische Neupfarrkirche. Einige katholische Kirchen werden simultan von beiden Konfessionen genutzt, da der Raum für die wachsende Zahl evangelischer Bürger knapp wird. Immer häufiger gibt es wegen dieser selten freiwilligen Doppelnutzung Streit. Die Stadt muss den Protestanten in ihren Mauern jedoch würdige Orte zur Feier des Abendmahls bieten.

 

Regensburg um 1700

Viele protestantische Österreicher sind in Regensburg ansässig geworden (und verschlimmern die hiesige Dialekt-Mischung noch mehr!), wo durch den Dreissigjährigen Krieg und Pestwellen die Bevölkerung zurückgegangen war. Regensburg ist jetzt stark befestigt. Der Rat der Stadt vergibt das Bürgerrecht seit langem nur noch an Protestanten. Eine repräsentative zweite evangelische Kirche wurde schon vor ungefähr 70 Jahren eingeweiht, die Dreieinigkeitskirche.
Der katholische Bischof ist weiterhin am Orte, doch relativ machtlos. Die katholischen Kirchen, Klöster und andere Besitztümer im Stadtbereich werden nicht angetastet, sondern bleiben einfach stehen. Es gibt viele katholische Menschen in der Stadt, aber die Machtverhältnisse im Rat und der Bürgerschaft sind eindeutig. Die Lage ist entspannt. Da Regensburg wenig Ärger macht - politisch ist die Stadt neutral, sie pflegt die Beziehungen zum Herzogtum Bayern und dem Reich - tagt schon lange der „Immerwährende Reichstag" hier. Der bringt barockes Leben in die Stadt. In Folge der Gesandtschaften kommen auch viele katholische Handwerker und Fachleute. Das althergebrachte System der Zünfte und der Bürgerrechte erweist sich für sie aber als starr und hinderlich - die alten Privilegien verhindern mehr und mehr den sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt.

 

Regensburg um 1800

Die Bürgerschaft ist noch immer komplett evangelisch, aber in der Bevölkerung – vornehmlich aus dem Umland Zugezoge – gibt es schon viel mehr Katholiken als Protestanten. Und hinter der Fassade ist das uralte Ständesystem insgesamt schon längst zerbröckelt. Die unteren Stände verelenden immer mehr, die Wirtschaft kommt nicht in Gang. Aus Frankreich gelangen seit der Revolution dort Gedanken in das Reich, die dem protestantischen Glauben näher sind als dem katholischen. Doch auch die Kirchen fürchten Machtverlust, national gefärbte Predigten gegen allzu freiheitliche, brüderliche und Gleichberechtigung fordernde Ideen sollen von sozialen Mißständen und der Untätigkeit der Kirchen dagegen ablenken. Der "Immerwährende Reichstag" versucht, seinen Glanz zu bewahren. Doch die selten gewordenen prachtvollen Umzüge der Gesandtschaften durch die Straßen der Stadt können nicht über die wachsenden inneren Probleme des Reichs hinwegtäuschen. Ein paar Jahre später wird es an ihnen zerbrechen.

 

Regensburg um 1900

Regensburg im Dornröschenschlaf. Es war seit dem Ende des Zweiten Reiches keine freie Reichstadt mehr. Nun gehört es zu Bayern. Warum wurden auf den Dom die zwei Spitzdächer gebaut? Wohl eher eine Prestigesache (nur des Königs?) als religiöses Bedürfnis. Regensburg bleibt Treffpunkt der in der Umgegend verstreut lebenden Evangelischen. Für sie wird gerade eine evangelische Schule mit Internat, das „Alumneum“ gebaut. Die evangelische Kirche ist mit dem herrschenden Bürgertum liiert, rechnet sich dem wilhelminischen Establishment zu. Gerade eben ist der neue Evangelische Zentralfriedhof eröffnet worden, eine monumentale Anlage, die etwas von der Bedeutung der evangelischen Gemeinden Regensburgs zeigt, aber auch gründerzeitlich sentimentaler Stimmung Raum gibt. Mit den offiziellen Katholiken streiten die Regensburger Bürger jetzt schon seit vielen Jahren. Unter dem ultramontanen, streng römisch orientierten Bischof Ignatius von Senestrey (reg. 1858–1906) wird der Konflikt zwischen dem konservativen deutschen Katholizismus und den mit den Liberalen gleichgesetzten Protestanten in aller Heftigkeit und agitatorischer Schärfe geführt.

 

Regensburg heute

Und wo steht die evangelische Kirche in Regensburg heute? Etwa 14% der Stadtbevölkerung sind protestantisch, leben in sieben Stadtgemeinden. Die Universität zieht jedes Semester viele Studenten und Studentinnen in die Stadt, durch die unsere Gemeinden bereichert werden. Viele Industrieansiedlungen im Umland tragen ebenfalls dazu bei, dass Evangelische in Regensburg nicht mehr als Exoten angesehen werden. Als Sitz des Regionalbischofs für den evangelischen Kirchenkreis Regensburg ist die Stadt de facto wieder geistliches Zentrum für den ostbayerischen Raum. Auch im Kulturleben der Stadt spielen die evangelischen Kirchengemeinden eine wichtige Rolle: neben den Chor-Konzerten der Regensburger Kantorei finden in unseren Kirchen häufig gut besuchte und viel beachtete kulturelle Ereignisse wie Ausstellungen, Lesungen, Orgelkonzerte und ähnliches statt. Die Altstadt-Kirchen erinnern nicht nur viele Touristen an Zeiten, die so ganz anders waren. Heute sind viele Kontakte zur kleinen jüdischen Gemeinde in der Stadt eine sehr erfreuliche Bilanz, der Dialog mit anderen Religionen ist selbstverständlich. Aber auch heute leidet die Stadt unter den wirtschaftlichen Bedingungen - allerdings auf einem wesentlich höheren Niveau als zu Beginn der Neuzeit. Daher bemühen sich die Regensburger Protestanten, mit Hilfe der neuen Bürgerstiftung "Evangelisch in Regensburg" zumindest die finanziellen Notwendigkeiten, die die Zukunft bringen wird, abzufangen. Evangelisches Wirken hat in Regensburg eine gute Tradition.

 

(Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Gisbert Moggert hier wiedergegeben)