Interview mit Dekan Jörg Breu

In "Evangelisch in Regensburg" stellte sich Dekan Jörg Breu in einem Interview vor:

 

Wo und wie leben die Menschen, die mir anvertraut sind?

Ein Interview mir Jörg Breu

 

Jörg Breu wurde 1965 in Regensburg im Evangelischen Krankenhaus geboren. Er studierte Theologie in Heidelberg und Marburg, sowie berufsbegleitend in Bonn Management für Non-Profit-Organisationen (Sozialmanagement). Seine Ehefrau, Veronika Zieske, ist Studienleiterin an der Gemeindeakademie in Rummelsberg, die drei Kinder, Antonia, Johannes und Samuel studieren bereits. Zuletzt wirkte Jörg Breu 12 Jahre als Dekan von Altdorf.

3 Fragen an Jörg Breu

Ihr schönster Platz in Regensburg?
Bei Fernweh schaue ich gerne von der Steinernen Brücke (flussaufwärts, auf dem dritten Brückenbogen). Ich mag den Haidplatz, das Orphée. In Regensburg muss ich mich nicht für einen Ort entscheiden.

Was heißt für Sie, evangelisch in Regensburg zu sein?
Ich fand das als Kind normal. Wir hatten bis zur dritten Jahrgangsstufe eine rein evangelische Klasse. Evangelisch sein heißt für mich, frei den eigenen christlichen Glauben zu bekennen und zu leben. Nicht auf Beifall der anderen zu hoffen, noch sie als dunkle Folie zu benutzen. Inmitten der Religionen und Weltanschauungen stehen wir Christen unterschiedlicher Konfessionen uns am nächsten. Diese Nähe können wir mit Leben erfüllen.

Worauf freuen Sie sich?
Auf die vielen Menschen, die ich kennen lernen darf. Darauf, neue Orte zu entdecken. Insgesamt auf Lebendigkeit und Vielfalt. Darauf, mit der Neupfarrkirche vertraut zu werden, an neuen Orten Gottesdienste zu feiern. Und darauf, Neues gestalten zu können, gemeinsam neue Wege zu gehen.

 

Lieber Herr Breu, Sie waren bis Ende März Dekan in Altdorf bei Nürnberg. Wie unterscheidet sich das Dekanat Regensburg davon?
In beiden Dekanaten engagieren sich viele Menschen dafür, unseren christlichen Glauben zu leben. Das im Vergleich zu Regensburg etwa halb so große Dekanat Altdorf verfügt mit seiner kirchlichen Verwaltungsstelle und einem Diakonischen Werk über vergleichbaren Strukturen - bis hin zur Bildung von Regionen. Vor allem drei Dinge sind neu für mich: Regensburg und auch andere Städte im Dekanat sind bedeutend größer als die Orte des Altdorfer Dekanats. Völlig anders als im „fränkischen Kernland“ ist hier die Diasporasituation. Diese führt dann auch zur riesigen Fläche des Donaudekanats.

 

Mit über 4.200 Quadratkilometern ist das Donaudekanat flächenmäßig das größte in ganz Bayern. Wie gehen Sie mit dieser Weite um?
Das erste Jahr werde ich für Besuche nutzen, um Menschen und Kirchengemeinden wahrzunehmen. Eine große Hilfe sind sicher die Regionen mit ihren drei stellvertretenden DekanInnen. Wichtig ist, den Stellvertretenden auch sinnvolle Stellenanteile zuzumessen, damit sie ihre Rolle auch ohne Selbstausbeutung ausfüllen können. Der Dekan kann sicher nicht überall sein, aber er sollte da sein, wo er gebraucht wird.

 

Nach altem Landesstellenplan hat der Dekan von Regensburg eine Leitungskompetenz von 113%. Das heißt, dass das von einer Person gar nicht zu schaffen ist. Wie werden Sie Ihre Arbeit strukturieren?
Es ist gut, dass es solche Zahlen zur Orientierung gibt. Meine bisherige Leitungskapazität betrug 60%. Um 113% zu bewältigen, kommen andere ins Spiel. „Nicht alles selbst machen wollen und können“, sagen die 113%. Bewältigbar wird die Stelle auch durch Pfarrer Roland Thürmel, der ja einen Stellenanteil als Referent des Dekans innehat. Und es gibt Synergieeffekte. Wenn ich in der Neupfarrkirche Gottesdienst halte oder mit der ESG einen Abend gestalte, wird man nie so genau sagen können, ist er jetzt als Pfarrer oder als Dekan hier gewesen?

 

Wo sind Sie theologisch verortet?
Als Schüler konnte ich in dem Film „Lebende Augenzeugen Landsberg“ mitwirken. Wir haben damals Außenlager Dachaus um Landsberg/Lech herum erforscht. Ich habe einige jüdische Überlebende dieser Lager kennen gelernt und mit ihnen über das Leben nach und mit der Shoah gesprochen. Diese Menschen haben mich tief beeindruckt. Mit ist Traurigkeit begegnet und Liebe und Verzeihen. Es ging in unseren Gesprächen auch darum, Gott an den Grenzen des Unsagbaren und Unerträglichen zu suchen. Der jüdisch-christliche Dialog ist mir seitdem sehr wichtig, inzwischen auch – weiter gefasst - der Dialog der Religionen. Als theologischen Lehrer verstehe ich bis heute Prof. Henning Luther. Sein „Emmanuel Levinas Kolloquium“ mit der Denkfigur: „Gott tritt mir im Antlitz des Nächsten entgegen“, ist mir unvergesslich.

 

Kennen Sie hier im Dekanat, in Regensburg noch jemand aus Ihrer Jugendzeit?
Ja, auch wenn manche inzwischen etwas außerhalb der Stadt leben. Ich hoffe dennoch, Menschen aus meiner Kinderzeit wieder zu sehen (Brigitte, liest du das?).

 

Wie ist Ihr Plan für die ersten 100 Tage, also etwa bis zur Sommerpause?
Ich werde mich ab April mitten ins Getümmel stürzen. Ich denke, manche haben in den letzten Monaten auch über das Normalmaß hinaus gearbeitet, um die Vakanz zu bewältigen. Ich werde mich geschwind in das Grundprogramm einleben. Gottesdienste feiern, Gremien leiten, Sitzungen erleben. Besuche sind mir in der ersten Zeit am wichtigsten. Die Frage: Wo und wie leben die Menschen, die mir anvertraut sind?

 

Was macht der Dekan, wenn er nicht gerade Dekan ist?
Er segelt leidenschaftlich gerne. Es geht an Bord so schnell, alle Sorgen hinter sich zu lassen und nur noch an den anliegenden Kurs, das Wetter, den Wind und die Wellen zu denken. Sonst findet man ihn im Kino und er liebt Musik in nahezu jeder Gestalt. Außerdem kocht er gerne für liebe Menschen.

 

Was macht Sie wütend / traurig / unzufrieden?
Hass. Ich verstehe nicht, wie Menschen es zu ihrer Grundhaltung werden lassen können, andere Menschen oder Menschengruppen zu hassen. Das macht mich wütend, traurig und hilflos zugleich. Auch grundlose Unfreundlichkeit und Unhöflichkeit ärgern mich. Und Feigheit macht mich traurig. Im Umkehrschluss wünsche ich mir liebevolle, freundliche, mutige Menschen. Meine Oma hat beim Nachtgebet immer zu mir gesagt: „Du bist Gottes geliebtes Kind. Vergiss das nicht“. Ich glaube: Das sind wir alle!

 

Wo sehen Sie das Dekanat 2032/2033?, wenn Sie in den Ruhestand gehen werden?
Ich wünsche mir dann verschiedenste niederschwellige Zugänge zur Evangelischen Kirche in der Stadt. Eine fröhliche, engagierte und hörbare evangelische Mehrstimmigkeit. Ich glaube, dass Menschen auch 2032 ihren Glauben mit erreichbaren Kirchen und Gemeindehäusern und Pfarrerinnen und Pfarrer leben können. Bei dem prognostiziertem Rückgang an Gläubigen und Pfarrpersonen wird es mehr berufsgruppenübergreifende Besetzungen geben und mehr Kooperation. Wir werden vieles ausprobiert haben und manches wird auch nicht funktionieren wie gedacht. Insgesamt gilt der Vorbehalt Kierkegaards: Verstehen werden wir erst, wenn es da ist, warum es so gekommen ist.

 

Ihr Dienstbeginn ist der 1. April. Worüber können Sie lachen?
Über jüdische Witze, über gutes politisches Kabarett, kluge Memes, britischen Humor (den werden wir alle noch brauchen!) und über harmlose Missgeschicke, am liebsten meine eigenen.

 

Klaus Weber